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Exportschlager Homo-Liebe: Deutsche Toleranzlieferung für Russland

Thema: Verbot der “Homo-Propaganda” in Russland

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Aus dem Foto-Projekt „To Russia with Love“Aus dem Foto-Projekt „To Russia with Love“Aus dem Foto-Projekt „To Russia with Love“
12:13 17/12/2012
Angelika Wohlmuth, RIA Novosti

Lisa und Kathi sitzen Händchen haltend in einer Badewanne. Rainer und Axel sitzen relaxt in einem Raum voller Bücher. Sie und zehn weitere lesbisch-schwule Paare aus Deutschland – einige davon mit Kindern – sind Gegenstand eines Ausstellungsprojekts, das ab Anfang 2013 durch russische Städte touren soll.  

hallo, homo!


„To Russia with Love“ ist eines der vier Siegerprojekte bei einem Wettbewerb des Alumni-Netzwerks „hallo deutschland!“ des Deutsch-Russischen Forums. Zwischen „Deutsches Kinderbuch – Traditionen und Jetztzeit“, „Weihnachtsmelodien im ewigen Eis Jakutiens“ und „50 Geschäftsideen aus Russland für Deutschland“ sticht das Motto „Sie sind homosexuell – und das ist gut so“ heraus wie ein bunter, ein regenbogenfarbener Hund.

Nicht zuletzt die Tatsache, dass die deutsche Geschäftsstelle des Petersburger Dialogs, zu dessen Abschlusssitzung Mitte November Wladimir Putin und Angela Merkel erschienen waren, beim Deutsch-Russischen-Forum ihren Sitz hat, verleiht der Institution eine durchwegs hochoffizielle Aura. In Sankt Petersburg selbst ist seit Februar „Propaganda von Homosexualität“ verboten. Aus diesem Blickwinkel scheint die Förderung eines Projekts, das den Russinnen und Russen diese „weniger bekannte Seite Deutschlands“ präsentieren will und dabei nicht vor Formulierungen wie starken homophoben Stimmungen in der russischen Gesellschaft, die „auf staatlicher Ebene unterstützt werden“ zurückschreckt, als ein bahnbrechender oder zumindest beherzter Schritt.

LGBT-Nachhilfe von Musterschüler Deutschland?

„Fast 80 Prozent der Deutschen hätte nichts dagegen, wenn der nächste Kanzler oder die nächste Kanzlerin homosexuell wäre“, heißt es in der Einladung zu den „Liebesgrüßen“. 
Illustriert mit Bildern von einem Dutzend der 25 000 „nicht-traditionellen“ Familien seit Einführung des Lebenspartnerschaftsgesetzes wird die Frage aufgeworfen, ob Deutschland für Russland ein Vorbild in Sachen Toleranz werden kann. 

Robert Neu, der mit seinen zwölf Familienportraits die Idee der Wahlberlinerin Tatiana Marshanskikh fotografisch umsetzte, ist bemüht, den Ball flach zu halten: Ohne „die Situation in Deutschland schlechtreden“ zu wollen betont er, dass nicht „in Deutschland alles super“ sei und „in Russland alles schlecht“. Schwarzweißmalerei sei fehl am Platz, es brauche eine fortwährende Diskussion, so der Berliner Fotograf.

„Moskau statt Sodom“

Die Ausstellungseröffnung mit anschließender Diskussion im Moskauer Sacharow-Zentrum ist gut besucht. Ausschließlich in russischer Sprache stehen neben den Portraits die Geschichten der abgebildeten Lesben- und Schwulenpaare – und einige Kommentare derselben zur Lage von LGBTs in Russland – „Liebesgrüße nach Moskau“ eben. Putin, ist etwa Manfred überzeugt, braucht all diese homophoben Gesetze, um die Menschen von den wirklichen Problemen im Land abzulenken.

Das Publikum unterhält sich angeregt, als es plötzlich kracht. In dem engen Gang fällt ein Holzgestell um. Gleich darauf das nächste. Eine Handvoll religiöser FanatikerInnen macht sich unter Gebrüll daran, die Bild-Messages aus Deutschland eine nach der anderen zu Boden zu bringen. Am lautesten agitieren eine junge Frau und ein hagerer Bursche Mitte zwanzig, die schwarze Mütze tief in die Stirn gezogen. „Zeigt Reue! Zeigt Buße! Ihr kommt alle in die Hölle!“, schreien sie sich die Kehle aus dem Hals, während man sie aus dem Gebäude führt.

Für die Ideengeberin der „Toleranzoffensive“ für Lesben und Schwule in Russland war der Auftritt von radikal-orthodoxen Aktivisten keine Überraschung. „Provokationen stehen bei solchen Veranstaltungen leider auf der Tagesordnung“, räumt Marshanskikh ein. Der „Provokateur“ war zudem kein Unbekannter. Der Mann mit dem Pseudonym Enteo ist in einschlägigen Kreisen als militanter Beschützer der Gefühle der Gläubigen bekannt. Auf einem Videoclip posiert er stolz am Bahnsteig eines Moskauer Bahnhofs, nachdem er einem Aeroexpress-Passagier ein Pussy-Riot-T-Shirt vom Leib gerissen hat. Glück für die AusstellungsbesucherInnen, dass sie das Richtige anhatten.

***** deinen Nächsten

Für die Intervention zu Beginn kann sich der für den kritischen Sender Radio Svoboda tätige liberale Geistliche Jakov Krotov „nur entschuldigen“. Seine eigene Taufe in der Sowjetunion im Jahr 1973 bezeichnet er flotthin als Coming Out – bedeutete es doch, öffentlich etwas zu tun, das alle rundherum verurteilen. „So stand es 1973 um die Religion. Heute ist es genau das Gegenteil“, führt der Vertreter der Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche aus.

Der Journalist Thomas Franke nimmt die Worte des Seelsorgers mit Genugtuung auf. Er selbst habe den Eindruck, dass die orthodoxe Kirche Mitschuld an der Homophobie in der Gesellschaft trage. In den Medien biete sich ihm ein Bild dar, in dem „Russischsein, Orthodoxsein und Putin wählen“ eng verknüpft sind.

Projektteilnehmer Hans-Joachim „kommt vor, dass viele Homophobe in Russland keinen einzigen Homosexuellen persönlich kennen“. Wenn ein Gay-Pärchen zur Sprache komme, „dann sind das für sie zwei Männer, die einander in den A**** f*****. Keiner von ihnen denkt daran, dass hinter diesen beiden Männern eine Beziehung steht, Gefühle, vielleicht sogar Liebe.“

Über dieses Zitat hat Enfant terrible Krotov nachgedacht und kommt zu einem interessanten Schluss: Das Problem sei nicht, dass der russische „Normalverbraucher“ nur angesichts von Schwulenpaaren nicht auf die Idee komme, dass hier Menschen in Liebe verbunden sein könnten, sondern vielmehr, „dass im Russland von heute der Durchschnittsbürger nicht versteht, dass Heterosexuelle einander lieben können.“ Harte soziale Kontrolle müssen seiner Meinung nach in der russischen Gesellschaft nicht nur LGBTs fürchten, sondern ausnahmslos alle. „Der kolossale Kollektivismus im russischen Leben, gepaart mit ebenso kolossalem Infantilismus und Paternalismus, der Bedarf an gegenseitiger Vormundschaft und die Liquidierung jeglichen wirklichen Gefühls“ – so formuliert der Kirchenmann die Leiden des Soziums.

Satellite of Love


In Jahrzehnten harter Arbeit, so das Fazit der Diskussionsrunde zwischen deutschen und russischen Expertinnen und Experten, hat es in Deutschland die Minderheit geschafft, die Mehrheit vom Toleranzgedanken zu überzeugen. Dass Deutschland so weit ist, dass sich eine öffentliche Person um ihren Ruf sorgen müsste, wenn sie sich als homophob „outet“, glaubt jedoch keiner im Saal. Am Aufholbedarf Russlands kommen dennoch keinerlei Zweifel auf.

In Sachen Gleichbehandlung sieht der in Moskau lebende deutsche Journalist in der Podiumsrunde das Riesenreich sogar Rückschritte machen: „Ich dachte, dass ein modernes Land wie Russland, das in der Lage ist, mit Raketen zum Mond zu fliegen, Satelliten zu führen, das auch schon mal – zumindest auf dem Papier – in der Gleichberechtigung und in der Toleranz in der Sowjetunion und auch danach weiter war, in der Lage ist, alle Menschen als gleich anzuerkennen“, so Franke. Wenn Russland sich in diesem „wesentlichen Schritt für eine zivilisierte Gesellschaft“ nichts einfallen lässt, sagt er, droht die Gesellschaft „sehr weit gegen westeuropäische Gesellschaften und ihr Bewusstsein“ zurückzufallen.

Auf die Schlussfrage „Was tun?“, hat der etwas unorthodoxe orthodoxe Priester wieder sofort eine Antwort parat. Unisono mit der lesbischen Aktivistin, die Coming Out als Rezept empfiehlt und einem jungen Mann, der sich als Heterosexueller für Offenheit und Allianzen ausspricht, schlägt Krotov „öffentliche Auftritte unter eigenem Namen“ vor. „Machen Sie sich aber gefasst“, warnt er im selben Atemzug. „Man wird von zwei Fronten auf Sie einschlagen: Einerseits als LGBT, andererseits als Europäer – als Befürworter der Menschenrechte für LGBTs und als Befürworter der Menschenrechte per se.“

Statements, nach denen die lesbisch-schwulen Liebesgrüße aus Deutschland zumindest nicht ganz an die falsche Adresse gerichtet zu sein scheinen. Wie sie im Rest Russlands ankommen, verspricht spannend zu werden.

 

Die Meinung der Verfasserin muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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12:13 17/12/2012 Lisa und Kathi sitzen Händchen haltend in einer Badewanne. Rainer und Axel sitzen relaxt in einem Raum voller Bücher. Sie und zehn weitere lesbisch-schwule Paare aus Deutschland – einige davon mit Kindern – sind Gegenstand eines Ausstellungsprojekts, das ab Anfang 2013 durch russische Städte touren soll.>>

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