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Kann Russland ein Teil des Westens werden?

12:19 31/05/2012
Wochenkolumne von Fjodor Lukjanow

Anfang 2003, in der zweiten Hälfte der ersten Amtszeit von Präsident Wladimir Putin, schloss sich Russland erstmals seit dem Ersten Weltkrieg einer politischen Allianz mit einigen westlichen Ländern an.

Neben Paris und Berlin trat Moskau vehement gegen den US-Kriegseinsatz im Irak auf. Das damals entstandene Dreieck wurde von vielen Experten als der Beginn einer neuen europäischen Geometrie bewertet, doch daraus wurde nichts. Der Irak  schadete zwar der transatlantischen Gemeinschaft, aber der anschließende Machtwechsel in den USA und in mehreren europäischen Ländern konnte den Konflikt zum Teil schlichten. Die einstige Einheit zwischen der Alten und Neuen Welt ist seitdem zwar nicht mehr dieselbe, aber auch Russland konnte sich nicht als wichtiger Verbündeter der führenden westeuropäischen Länder etablieren.

Die Dreier-Achse, die sich auf die Wirtschaftsinteressen mit einem gewissen Wachstumspotenzial in der Politik (Russland-Deutschland) und ähnlichen politischen Bestrebungen beim Ausbau der Wirtschaftskontakte (Russland-Frankreich) stützt, besteht noch heute – trotz des Rückzugs der Freunde Putins aus der Politik. Seinen ersten Auslandsbesuch nach der Amtseinführung (Weißrussland gilt nicht, weil es kein richtiges Ausland für Russland ist) stattet er Deutschland und Frankreich ab. Obwohl seine Beziehungen zu Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht gerade freundlich sind und er den französischen Staatschef nicht einmal kennt.

Wäre es vorstellbar, dass Russland sich irgendwann einmal dem Westen anschließt, wovon die erste Generation der russischen liberalen Reformer in den frühen 1990er Jahren träumten und was Putin auf seine Art in den frühen 2000ern anstrebte? Es hieß immer, dass Moskau diese Entscheidung treffen wird. Die Türen waren offen – zwar nicht für eine vollwertige EU- und Nato-Mitgliedschaft, aber wenigstens für eine enge Partnerschaft im Sinne von gemeinsamen Normen und Werten. Kontroversen um Russlands Bereitschaft zur Akzeptanz der westlichen Weltsicht gab es immer. Aber während man sich in Moskau über Antworten auf diese Fragen nachdachte, ist mit dem Westen eine Metamorphose passiert: Es verschwindet allmählich als einheitliches politisches Subjekt, als ideologisches und moralisches Vorbild, als nachahmungswürdiges Wirtschaftsmodell. Mittlerweile stellt sich die Frage nicht mehr, ob der Westen bereit ist, Russland mit allen seinen Mängeln aufzunehmen, sondern, ob Russland dieser Gemeinschaft angehören will, die mit ihrem Sieg im Kalten Krieg nichts anzufangen wusste. Zumal das Zentrum der Weltpolitik sich allmählich nach Asien verlagert.

Die Antwort auf beide Fragen müsste zweifelsohne positiv ausfallen. Russland hat keine Alternativen, denn es ist aus kultureller, psychologischer und historischer Sicht ein Teil der westlichen Welt, selbst wenn ein eigenartiger Teil. Aber im Orient wird niemand Russland als eine asiatische Großmacht wahrnehmen, obwohl drei Viertel seines Territoriums in diesem Erdteil liegen. Und die lebenswichtige Entwicklung des russischen Fernen Ostens, die ohne eine enge Integration dieses Territoriums in den intensiven asiatischen Wirtschaftswachstum unmöglich ist, könnte nur bei der Erhaltung und Festigung der allgemeinen europäischen Identität Russlands erfolgreich sein. Denn es hat keine asiatische Identität, und wenn es Anstrengungen in diese Richtung unternehmen würde, würde es den Wettbewerb mit der mächtigen chinesischen Zivilisation und den anderen asiatischen Kulturen sowieso verlieren.

So etwas kann sich Russland aber nicht leisten, zumal es dabei nicht auf eine Hilfe seitens seiner hypothetischen westlichen Verbündeten hoffen kann. Das ist übrigens wohl das wichtigste Argument in der ab und an ausbrechenden Debatte über die Zweckmäßigkeit der Nato-Mitgliedschaft Russlands, damit es sich endgültig als Bestandteil der westlichen Welt etabliert. Niemand würde sich jemals verpflichten, die russischen fernöstlichen Grenzen zu verteidigen, falls das nötig werden sollte.

Andererseits hat der Westen nicht mehr so viele Möglichkeiten für einen Ausbau seiner Ressourcenbasis und seiner politischen Einflusskraft. Russland könnte ihm aber eine solche Möglichkeit bieten, selbst wenn diese Pläne nur schwer erfüllbar wären. Trotz der zahlreichen kulturellen und anderen Unterschiede gibt es kein anderes starkes Land, dessen historischen und kulturellen Wurzeln im gleichen Boden wie die europäischen und amerikanischen stecken würden.

Die Hindernisse auf dem Integrationsweg, auf die man seit 20 Jahren verwies, verschwinden von selbst. Die Europäische Union, die sich wegen der eigenen strengen Regeln und Kriterien eine Annäherung mit Russland nicht leisten konnte, zerfällt inzwischen nahezu und muss sich jedenfalls kardinal verändern und sich seine Koexistenz-Prinzipien und sein Integrationsmodell neu überlegen. Das bedeutet, dass eine Möglichkeit besteht, eine neue Konstruktion unter Beteiligung Russlands zu entwickeln. Denn die einstige Situation, in der Moskau fremde Regeln aufgezwungen wurden, ist vorbei.

Auch die Beziehungen im Sicherheitsbereich – die mit den USA und der Nato – werden sich verändern. Denn mit der Verlegung des Epizentrums der Weltpolitik in den Asiatisch-Pazifischen Raum werden die Folgen des einstigen Kalten Kriegs, die Russland und der Westen immer noch nicht endgültig überwinden können, werden allmählich verschwinden, wobei beide Seiten die gemeinsamen Gefahren und auch Interessen immer besser begreifen werden. Und die Ideenkrise in der Nato, die im 21. Jahrhundert immer noch keine richtige Entwicklungsrichtung gefunden hat, könnte Russland helfen, seine ewigen Phobien in Bezug auf die Allianz loszuwerden.

Aber das sind alles nur Vermutungen, die sich darauf stützen, dass die Teilnehmer der internationalen politischen Prozesse rational handeln und sich nach der Zweckmäßigkeit dieser oder jener Schritte richten. Die moderne Politik kennt jedoch viele Beispiele dafür, dass sich die Führungsmächte sehr dumm verhalten – egal ob wegen ihres Hochmuts oder wegen ihrer Minderwertigkeitskomplexe, egal ob sie sich nach den ideologischen Dogmen oder den falsch verstandenen Interessen richten.

Wir beobachten heutzutage eine Kombination aus kaum voraussagbaren und kaum erklärlichen Veränderungen der Weltpolitik des 21. Jahrhunderts einerseits und dem plötzlichen „Wachwerden“ der Instinkte aus den alten Zeiten: Die Beziehungen zwischen verschiedenen Ländern rollen manchmal auf einmal zu der altmodischen „realen Politik“ zurück, und die Interessen des eigenen Ansehens in den Vordergrund rücken. Eine Besonderheit der Übergangszeit, in der wir leben, besteht darin, dass das endgültige Ziel dieses Übergangs absolut unbekannt ist. Es ist nicht einmal klar, wohin er führt: vorwärts, zu einer neuen politischen Moral und einer qualitativ neuen Etappe oder zurück, zu den uralten Prinzipien, die allerdings unter Anwendung der modernsten Technologien verteidigt werden. Das bedeutet, dass im Grunde alles möglich ist.

Zum Verfasser: Fjodor Lukjanow ist der Chefredakteur der Zeitschrift "Russia in Global Affairs"

Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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